Die Abhängigkeit des Knoten [1]

[German Version]

Ohne Frage stellt sich der Bau einer Abbaustelle für Lithium nicht gerade als ein Kinderspiel heraus. Alles muss abgesichert werden, doppelt und dreimal geprüft und vor allem, wenn es sich in den eigenen Gefilden abspielen soll. Anderswo kann man schon ein, zwei Augen zudrücken, das bekommen die Leute ja meist ohnehin nicht mit.

Weshalb jedoch der Abbau nicht sowieso längst verhindert wurde oder wenigstens die Ressourcen sinnvoll eingesetzt, dass verstehen viele nicht, doch wer fragt schon den Einzelnen, vor allem aus dem hintersten Waldgebiet oder Berghang. Die Wissen ja sowieso nicht über was sie da eigentlich reden oder schreiben, manche sprechen ja nicht einmal richtig. Ungebildetes Pack, würde wohl die Elite sagen.

“Nun ja, der Tag fängt ja gut an.”, dachte Maurice. Eigentlich wollte er mal lediglich ein eigenes Waldstück haben, für sich ganz allein. Oder vielleicht auch für ein paar mehr, doch nun sitzt er hier und muss ausrechnen, wie viel Stahlträger, Seitenverkleidung und Arbeiter benötigt werden. Danach noch die ganzen Diesel- und Benzinkosten, die Streckenabschnitte, das Gewicht des abgebauten Materials, Lagerung, Versorgung und und und. Ganz schön viel abverlangt von einem Architekten, vor allem bei solch einem Abbauvorhaben. Sein Chef meinte zwar, er könne das meiste überschlagen und einfach hochrechnen oder sich von einer Liste ablesen, doch Maurice wollte lieber sichergehen. Dem Vorgesetzten war das natürlich gar nicht recht, würde es ihn natürlich ein gutes Sümmchen kosten, doch was sollte er machen. Zumindest hoffte Maurice, dass er dadurch vielleicht einen besseren Einblick in das ganze Konstrukt bekommt und auch für mehr Sicherheit sorgen könnte. Viel anderes blieb ihm ja kaum übrig in seiner Lage.

Immerhin war er nicht in Chile, Argentinien oder Gott weiß wo, wo vielleicht die gleichen Leute, die hier die oberste Hand hatte, einfach über Leichen gingen. Erst vor ein paar Jahren hatte er in den Nachrichten von ein paar Minenunfällen gehört und immer mal wieder kommt es zu Zwischenfällen. Ganz von den Umweltschäden, geografischen Verunstaltungen und der Ausbeutung mal abgesehen. Somit hatte er immerhin Glück in einem Land zu arbeiten, in dem es zumindest eine Art Gerechtigkeit zu geben schien. Auch wenn es natürlich viel mehr als Beruhigung und weniger als tatsächliche Gerechtigkeit zu sehen war. Schon bei anderen Bauprojekten hat Maurice gehört, dass recht wenig auf die Meinung der Experten gegeben wurde und im Zweifelsfall einfach die Verantwortung auf diese abgewälzt wurde. Deshalb wollte er lieber ganz sicher gehen, bei dem was er hier machte, denn andernfalls würde er später keine Chance haben sich zu verteidigen.

Wenn man vom Teufel spricht, da kam er auch schon wieder.

“Guten Morgen Maurice. Nun, was machen die Kalkulationen? Es wäre gut, wenn bis nächste Woche alles fertig wäre.”, gab Herr Stapler mit klarem Nachdruck zu verstehen. Dann ging er auch schon wieder weiter in sein Büro.

Maurice fragte sich, wieso diejenigen mit der geringsten Verantwortung immer die VIP Bereiche bekommen, doch er verkniff sich eine Bemerkung.

Hätte er vor ein paar Jahren gewusst, dass er einmal hier sitzen würde und das Leben von Tausenden Menschen, ja vielleicht sogar Millionen von ihm abhingen würden, wäre er wohl beim Gärtnern besser aufgehoben gewesen, wie einst schon sein Großvater. Eigentlich wäre ihm dies in Kombination mit einem Waldstück auch viel lieber gewesen, nur hatte er natürlich, wie üblich, nicht das nötige Kleingeld für derlei Wünsche. Sein Onkel hatte ihm ein Praktikum in seinem Architekturbüro gegeben und später beim Studium unterstützt. All diese Quälerei und mühsamen Jahre…

Ohne die Tabletten hätte er das wohl nicht durchgehalten. Der Traum vom Wald und Garten immer weiter in die Ferne rückend, hatte er sich schließlich dem Schreibtisch Dasein hingegeben und schließlich diesen Auftrag bekommen. Jeden Tag musste er sich die Angst aus dem Kopf schlagen, die Frustration nicht anmerken lassen. Zum Glück hatte er eine Playlist zusammengestellt, um durch den Tag zu kommen. Wenigstens lies man ihn weitestgehend in Ruhe, so musste er lediglich ab und zu von seinem Bildschirm aufschauen.

“Was ein Segen.”, dachte Maurice laut und hoffte, es hat keiner gehört. Lediglich Andrea schien einmal kurz zu ihm herüber zu schauen, doch dann war sie wohl wieder in ihrer Steuerungssoftware vertieft.

Zwar hatte das Unternehmen in robotergesteuerte Systeme investiert, jedoch sind deren Möglichkeiten auch begrenzt und noch würden Menschen ihnen zur Seite stehen müssen oder wichtige Punkte und Abschnitte selbst übernehmen. Trotzdem würden diese über lang oder kurz wohl den größten Teil der Arbeit abnehmen. Aus Sicht des Unternehmens natürlich praktisch und auch aus Arbeiterschutz-technischen Gründen, denn falls etwas schief ging, würde lediglich hochkomplexe Technik in Millionen Höhe verschüttet, aber immer noch besser als tausende von Arbeitern, deren Familien dann sicher eine Abfindung verlangen würden. Mal ganz vom unerträglichen Verlustschmerz, dem Entsetzen und der Verzweiflung abgesehen, wenn eine werdende Mutter mit zwei Kindern auf einmal ganz alleine da steht und ein Haus abbezahlen musste, für das natürlich dann kein Geld mehr aufs Konto kam. Das lausige Kindergeld reichte ja auch gerade mal für das Nötigste. Wobei es natürlich darauf ankam, welche Ansprüche man hatte. Für ein Haus reichte es aber natürlich nicht.

Ganz in seine Gedanken vertieft viel Maurice auf einmal auf, dass er ja auch noch überprüfen musste, ob alles den neuen Standards entsprechen würde. Vor allem den Klima- und Umweltgesetzen, die ja in den letzten Jahren immer mehr an Gewichtung bekommen haben, auch wenn er in der Praxis nicht wirklich viel davon mitbekommen hatte. Vor allem nicht, wenn man nach zwanzig Jahren immer noch sieht, wie die gleichen gelben Säcke auf und ab die Straße bedeckten, wenn es wieder Zeit für die Leerung war. Er selbst war natürlich auch nicht unschuldig daran, schließlich aß er des öfteren Fertiggerichte, Dosenfraß und auch mal Snacks und Süßkram, um irgendwie die Frustration und den Stress, anhand des erhöhten Energiebedarfs zu decken. Auch wenn ihm selbst bewusst war, dass dies wohl nicht lange gut gehen würde. Aber was sollte er machen, selbst das Gemüse war aus Übersee und konnte nur mit der fälschlich angenommenen natürlichen Frische locken. Hauptsache der Magen war gefüllt und die Sinne betäubt.

Bei dem Gedanken musste er wieder an die Feiern denken, denen er zwar beigewohnt hatte, aber eigentlich nicht viel abgewinnen konnte. Halb besoffen, halb zugedröhnt waren seine WG-Kollegen mit ihm auf einer dieser Studentenparties gewesen und hatten sich bestimmt schon das zweite mal dasselbe Lied angehört, ohne auch nur im Ansatz zu verstehen, was eigentlich gesungen wurde, oder ob es sich noch um Worte handelte oder viel mehr Laute aus einer anderen Welt.

Er ging eigentlich nur wegen Claudia zu diesen Parties, damals schien er irgendwie noch Hoffnung zu haben, dass sein Traum von der Natur noch wahr werden würde. Claudia hatte Naturwissenschaften studiert und somit dachte er, dass sie vielleicht gemeinsam etwas bewegen könnten. Leider hatte sie das ganze falsch verstanden und dachte, er wolle etwas anderes. Maurice wusste, er hätte nichts trinken sollen, geschweigeden dieses komische Brausepulver einnehmen. Danach hatte sie nie wieder mit ihm gesprochen und er jede Hoffnung für die Natur aufgegeben. Eigentlich irrsinnig, denn es konnte ja wohl kaum an ein paar wenigen Menschen scheitern, dass die ganze Erde im Chaos versinkt. Damals dachte er noch, vielleicht hatte es einfach nicht sein sollen, der chaotische Dorftrottel und die wilde Naturforscherin. Jetzt fragte er sich, ob er sich überhaupt hätte Hoffnungen machen sollen, wusste er doch, dass es nie etwas geworden wäre. Claudia wusste wohl was sie tat, zumindest schien es immer so und er hoffte, dass sie auch weiterhin an der Sache dran war. Aber er hätte sowieso nur alles schwieriger gemacht. Warum hatte er nicht einfach bei seinen Großeltern bleiben können, damals nach dem Autounfall seiner Eltern.

Auf einmal begann es um ihn herum lauter zu werden. Ein Blick auf die Uhr auf seinem Bildschirm verriet ihm, dass es Mittagspause war. Zumindest die meisten würden dem nun folge leisten. Er selbst hatte recht wenig Appetit bei der Arbeit, oft wurde ihm schlecht und der Magen oder Darm schmerzten. Wohl kein Wunder bei all dem Stress und dem Druck der auf ihm lastete. Er fragte sich, wie seine Kollegen mit all dem umgingen. Pedro schien immer gut gelaunt beim Mittagstisch, Murat hatte oft selbstgemachtes Essen von seiner Frau dabei und Andrea begnügte sich meist mit ihrem Gemüsesalat, den sie wohl von zuhause mitbrachte. Er selbst holte sich oft etwas von dem Discounter die Straße runter, auch wenn er am liebsten gar nichts essen würde. Doch vor den Kollegen konnte er ja schlecht sagen, dass er keinen Hunger hatte, zumal das ja nur die halbe Wahrheit war, wenn überhaupt. Andrea schien immer weit weg mit den Gedanken zu sein, wohl auch kein Wunder bei all den Männern. Vielleicht dachte sie ja auch wie er darüber nach, einfach von hier fort zu laufen. Doch wohin. ‘Wohin wenn nicht stehlen.’, dachte Maurice wehmütig und machte sich auf um sich ein Brot und eine Portion Seelachs zu holen. Hoffentlich hatte er das nicht laut gesagt.

Andrea schaute schon wieder zu ihm herüber, diesmal etwas ernster als zuvor, aber sonst schien niemand zu bemerken, dass er überhaupt da war. Die Tür auf, in den Lift und ab nach unten. Was ein Tag…

Fortsetzung folgt…?


[English Version]

The dependence of the node

Without question, building a mining site for lithium doesn’t exactly turn out to be a piece of cake. Everything has to be secured, double- and triple-checked, and especially if it is to take place in the company’s own territory. Elsewhere, you can turn a blind eye or two, and people usually don’t notice anyway.

Why however the mining was not prevented anyway long ago or at least the resources meaningfully used, that many do not understand. However who asks the individual, above all from the rearmost forest area or mountain slope. They don’t know what they’re talking or writing about anyway, some don’t even speak properly. Uneducated pack, would probably say the elite.

“Well, the day starts well,” thought Maurice. Actually, all he wanted was to have his own piece of forest, all to himself. Or maybe for a few more people, but now he sits here and has to calculate how much steel girder, siding and workers will be needed. Then there are all the diesel and gasoline costs, the road sections, the weight of the material removed, storage, supplies, and and and. Quite a lot to ask of an architect, especially for such a mining project. His boss said he could estimate most of it and simply extrapolate or read it off a list, but Maurice preferred to be sure. Of course, the supervisor didn’t like that at all, since it would cost him a good deal of money, but what could he do? At least Maurice hoped that he could get a better insight into the whole construct and also provide more security. There was little else he could do in his situation.

After all, he was not in Chile, Argentina or God knows where, where perhaps the same people who had the highest hand here simply went over corpses. Just a few years ago, he had heard about a few mine accidents on the news, and every now and then incidents happen. Not to mention the environmental damage, geographical disfigurement and exploitation. So at least he was lucky to work in a country where there seemed to be at least some kind of justice. Even if, of course, it was much more as reassurance and less as actual justice. Maurice had already heard in other construction projects that quite little was given to the opinion of the experts and in case of doubt, responsibility was simply shifted to them. Therefore, he preferred to be quite sure about what he was doing here, because otherwise he would have no chance to defend himself later.

Speaking of the devil, there he came again.

“Good morning Maurice. Well, how are the calculations going? It would be good if everything would be ready by next week,” Mr. Stapler indicated with clear emphasis. Then he went on to his office again.

Maurice wondered why those with the least responsibility always get the VIP areas, but he refrained from commenting.

If he had known a few years ago that he would one day be sitting here and that the lives of thousands of people, perhaps even millions, would depend on him, he would probably have been better off gardening, as his grandfather once was. Actually, this would have been much better for him in combination with a piece of forest, but of course, as usual, he did not have the necessary small change for such wishes. His uncle had given him an internship in his architectural office and later supported him in his studies. All these torments and tedious years….

Without the tablets he would probably not have kept it up. The dream of the forest and garden receding further and further into the distance, he had finally given himself over to desk existence and finally got this job. Every day he had to put the anxiety out of his mind and also not let the frustration show. Luckily, he had put together a playlist to get him through the day. At least they left him alone for the most part, so all he had to do was look up from his screen every now and then.

“What a blessing,” Maurice thought aloud, hoping no one heard. Only Andrea seemed to look over at him for a moment, but then she was probably absorbed in her control software again.

Although the company had invested in robot-controlled systems, their capabilities were also limited and humans would still have to assist them or take over important points and sections themselves. Nevertheless, in the long or short term, they would probably take over most of the work. From the company’s point of view, of course, this is practical, and also for reasons of worker protection. If something would go wrong, just highly complex technology worth millions would be buried, but still better than thousands of workers whose families would then surely demand severance pay. Quite apart from the unbearable pain of loss, the horror and despair when an expectant mother with two children suddenly found herself all alone and had to pay off a house for which, of course, there was no more money in the account. The lousy child benefit was just enough for the bare necessities. Whereby it depended naturally on which requirements one had. But of course it wasn’t enough for a house.

Completely engrossed in his thoughts, Maurice suddenly realized that he also had to check whether everything would meet the new standards. Especially the climate and environmental laws, which have become increasingly important in recent years, even if he had not really noticed much of it in practice. Especially not when, after twenty years, you could still see the same yellow bags covering the street up and down when it was time to empty them again. He himself was of course not innocent, after all, he often ate ready meals, canned food and sometimes snacks and sweets to somehow cover the frustration and stress, based on the increased energy needs. Although he himself was aware that this would probably not go well for long. But what should he do, even the vegetables were from overseas and could only entice with the falsely assumed natural freshness. The main thing was to fill his stomach and numb his senses.

He had to think about the celebrations again, which he had attended, but actually didn’t enjoy much. Half drunk, half drugged up, his flatmates had been with him at one of these student parties and had listened to the same song for the second time, without even beginning to understand what was actually being sung, or whether it was still a matter of words or much more sounds from another world.

He actually only went to these parties because of Claudia, at that time he somehow still seemed to have hope that his dream of nature would still come true. Claudia had studied natural sciences and so he thought that maybe they could achieve something together. Unfortunately, she had misunderstood and thought he wanted something else. Maurice knew he shouldn’t have drunk anything, let alone taken that weird sherbet powder. After that she had never spoken to him again and he had given up all hope for nature. Actually insane, because it could hardly fail at a few people that the whole earth sinks into chaos. At that time he still thought, maybe it just wasn’t meant to be, the chaotic village idiot and the wild naturalist. Now he wondered if he should have gotten his hopes up at all, knowing it was never going to be anything. Claudia probably knew what she was doing, at least it always seemed that way, and he hoped she was still on the case. But he would have only made things more difficult anyway. Why hadn’t he just been able to stay with his grandparents, back after his parents’ car accident.

All of a sudden, it started to get louder around him. A glance at the clock on his screen told him that it was lunch time. At least most people would follow that now. He himself had quite little appetite at work, often he felt sick and his stomach or intestines hurt. Probably no wonder with all the stress and pressure on him. He wondered how his colleagues dealt with it all. Pedro always seemed in a good mood at lunch, Murat often had homemade food from his wife, and Andrea was usually content with her vegetable salad, which she probably brought from home. He himself often got something from the discount store down the street, even though he would prefer not to eat anything at all. But he couldn’t really say in front of his colleagues that he wasn’t hungry, especially since that was only half the truth, if even. Andrea always seemed to be far away with her thoughts, probably not a wonder with all the men. Maybe she was thinking about running away from here, just like he was. But where to. ‘Where if not to steal,’ Maurice thought wistfully, and set off to get himself a loaf of bread and a portion of pollock. Hopefully he hadn’t said that out loud.

Andrea was already looking over at him again, this time a little more serious than before, but no one else seemed to notice that he was even there. Opening the door, into the elevator and off downstairs. What a day…

To be continued…?


Teil 2 / Part 2


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